Illustratorin Slinga: „Was unser Sein einschränkt, muss hinterfragt werden.“

Lea "Slinge" Hillerzeder arbeitet als Illustratorin in Leipzig

Für die Gesellschaft verbiegt sich Illustratorin Lea (29) nicht mehr. Fürs Foto schon. Uns zeigt die Wahl-Leipzigerin ihren Lieblingssee und stürzt sich dabei sogar furchtlos in die Fluten

Bunte Bildchen mit knallharten Aussagen sind ihr Ding – die Leipziger Illustratorin Lea „Slinga“ Hillerzeder (29) im Interview

„Slinga“ ist eine erfolgreiche Illustratorin aus Leipzig, die mit ihren liebevoll erstellten Zeichnungen schonungslos Missstände im alltäglichen Leben anspricht – Sexismus, falsche Schönheitsideale, Stigmatisierung von psychischen Krankheiten – und das auf eine nahezu zauberhafte, bunte Art und Weise. Über 32.000 Follower auf Instagram (Tendenz steigend) sind begeistert von ihren Zeichnungen. Die Produkte aus ihrem „Slinga-Shop“ gibt es inzwischen in ausgewählten Geschäften in ganz Deutschland. Hier erzählt sie, wie sie das geschafft hat und wo sie damit noch hinmöchte.

Du heißt eigentlich Lea – und trotzdem habe ich das Bedürfnis, dich Slinga zu nennen … Woher kommt dein Künstlername und welche Bedeutung hat er?

Das ist überhaupt kein Problem, fast alle nennen mich Slinga (lacht). Das war schon immer mein Spitzname. Auch beliebt: Slingi. Ich hatte früher immer extrem große Schleifen im Haar. Dann habe ich mit Freundinnen mal ein bisschen gegoogelt und bei Schleife kam im Schwedischen das Wort „Slinga“ raus. So hieß ich dann auf Facebook und später auch auf Instagram. Damals habe ich noch nicht im Traum daran gedacht, dass daraus mal ein Business-Account werden könnte. Aus dem Instagram-Account ging dann wiederum mein Shop hervor. Und so hat sich das dann alles verselbstständigt.

Bekannt geworden bist du mit Illustrationen von Frauen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Ist das ein Thema, das dich in deinen Zeichnungen heute auch noch beschäftigt?

Thematisch bin ich ziemlich breit gefächert. Aber immer gilt: Was unser Sein einschränkt, muss hinterfragt werden. Und das mache ich mit meinen Illustrationen. Dazu gehören natürlich auch falsche Schönheitsideale. Aber da gibt es inzwischen andere, die das Thema besser umsetzen. Trotzdem sehen viele Leute meinen Account und denken, dass ich mich noch immer sehr gezielt damit beschäftige. Weil ich Figuren zeichne, die anders aussehen, als es in unserer Gesellschaft vorgegeben ist. Aber ich zeichne eben Menschen, die normal aussehen.

Das ist ein bisschen wie bei Models, die in die Schublade „Plus-Size“ gesteckt werden, obwohl sie eigentlich ganz normale Körper haben.

Schon ein bisschen. Meine Themen entwickeln sich ansonsten eher in die Richtungen, die auch persönlich ein Thema von mir sind. Und heute sind das eher Sexismus und die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten. Bis heute ist es zum Beispiel weit mehr akzeptiert, wegen eines gebrochenen Beines krangeschrieben zu sein, als aufgrund von Depressionen. Kaum einer spricht über seine psychischen Probleme. Und das sollte sich ändern.

Du zeigst in deinen Bildern sehr offen, welche Ängste dich beschäftigen und arbeitest sogar mit einer Psychologin zusammen …

Genau. Wir haben zum Beispiel gemeinsam das Format „Frau Doktor Blume“ entwickelt. Da geht es um einen Haufen Gefühle und wie wir damit umgehen. Ich denke, alle während der Pandemie von ihren Gefühlen ein wenig überrannt worden sind. Viele haben mit Ängsten zu tun. Mit „Frau Doktor Blume“ können wir diese Menschen abholen. Daraus soll auch ein kleines Büchlein entstehen.

Anfang des Jahres hast du auch einen kleinen Comic für Kinder zum Thema Corona rausgebracht. Ein riesen Erfolg!

Den habe ich mit einer Sexualpädagogin entwickelt, die viel mit Kindern zusammenarbeitet. Wir wollten ihnen erklären, warum sie ihre Freunde nicht mehr sehen dürfen, so oft die Hände waschen und so viel zu Hause bleiben sollen. Es hat mich riesig gefreut, dass den Comic so viele genutzt haben. Kindertagesstätten haben uns Fotos geschickt, wie der Comic laminiert am Eingang hing oder wie sie ein kleines Spiel daraus gemacht haben, in dem die Kinder den Bildern die Texte zuordnen mussten. Und, und, und. Es war natürlich toll, den Kindern eine Freude zu machen.

Wie warst du denn eigentlich so als Kind? War dir schon in jungen Jahren klar, dass du Künstlerin werden möchtest?

Ich habe schon immer viel gezeichnet, alle Kunst-AGs belegt, die man machen konnte. Trotzdem war es immer mehr mein Traum, einen eigenen Laden zu haben. Zum Glück hatte ich vor ein paar Jahren die Gelegenheit, einer Freundin zu helfen, die gerade einen Laden eröffnete. Ich stellte nämlich fest, dass das gar nicht meins ist. Du sitzt da im Schaufenster. Und dann kommen Leute rein. Das ist ja auch gut, aber dann wollen die sich auch noch unterhalten. Nee. Da bin ich lieber zu Hause (lacht).

Dann ist es ja gut, dass du trotz des Kindheitstraums schon früh den künstlerischen Pfad gewählt hast! Wie sah der genau aus?

Ich bin mit 16 nach Leipzig gezogen und habe eine Ausbildung zur „gestaltungstechnischen Assistentin“ und danach Fachabitur in Richtung Gestaltung gemacht. Ich begann anschließend ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst und habe nebenher angefangen, an meinen Illustrationen zu arbeiten. Ich verkaufte selbst gezeichnete Postkarten auf dem Flohmarkt und lud die Motive auf Instagram hoch. Dann kamen immer mehr Anfragen, ich habe einen Shop eingerichtet und irgendwie hat sich das dann so hochgeschaukelt. Kurz vor meiner Diplomarbeit wusste ich, dass es eigentlich schlecht wäre, mich ein halbes Jahr lang auf die Arbeit und nicht auf den Shop zu konzentrieren. Also brach ich das Studium ab. Ich bin irgendwie in die Selbstständigkeit hineingeschlittert und seit 2018 kann ich tatsächlich von den Einnahmen von meinem Shop leben.

Hast du je zu träumen gewagt, dass es so kommt? Was für eine Erfolgsgeschichte!

Es ist der Hammer! Aber man selbst mach da selten einen Schritt raus aus der Realität und schaut sich das mal an. Man lebt da so hinein und findet es normal … und schön. Allerdings gibt es auch Momente, in denen ich denke, dass ich am nächsten Tag lieber in ein Büro gehen würde. Dann Feierabend und ab nach Hause und die Probleme am Arbeitsplatz zurücklassen. Und vielleicht ein erfülltes Privatleben führen. Das klingt manchmal auch nicht schlecht. Mir wird dann schnell wieder klar, dass ich sehr, sehr froh über meinen Erfolg als Illustratorin bin und auf keinen Fall tausche möchte. Aber es hat eben alles Vor- und Nachteile. Manchmal ist es stressig, für alles selbst verantwortlich zu sein. Und das Internet ist schnelllebig. Wer weiß, was morgen ist? Ich weiß es nicht.

Deine Botschaften werden weiter Bestand haben – und sie treffen immer direkt ins Schwarze. Manchmal knallhart!

Knallhart. Aber trotzdem auch mit Witz. Und auch mit Liebe. Liebevoll. Aber trotzdem voll auf die Schnauze. Das stimmt (lacht).

Bist du auch so der Typ, der privat knallhart raushaut oder lebst du diese Härte eher mit den Zeichnungen aus?

Privat bin ich eher schüchtern. Aber  das kommt drauf an, wie ich mich selbst an einem Tag fühle. Wenn ich eh schon schlecht drauf bin, kann das in die eine oder in die andere Richtung gehen. Aber wenn mich persönlich jemand angreift, dann sage ich immer irgendetwas. In direkten Streitgesprächen bin ich leider nicht so gut. Die meisten dieser Themen sind so umfangreich und mit anderen Dingen verwoben, dass ich immer so richtig lange überlegen muss, bevor ich die richtige Antwort finde (lacht). Aber wenn mir Leute im Internet schreiben, nehme ich mir schon meistens die Zeit, etwas Sinnvolles zu erwidern und nicht jeden Quatsch unkommentiert zu lassen.

Das ist ja spannend! Über welche Themen diskutierst du denn zum Beispiel?

Es gibt immer Männer, die sich mit mir über Sexismus unterhalten wollen. Die schreiben mir oft Privatnachrichten. Ich bin ja nett, so nach außen (lacht). Da mache ich auch bis zu einem gewissen Punkt mit. Ich versuche die Dinge dann so zu erklären, dass Leute es verstehen können, die es eigentlich nicht verstehen wollen. Aber irgendwann ist auch gut. Meistens wollen die auch nur, dass ich ihren Schmerz wahrnehme.

Na klasse. Als hätte man dafür Zeit und Energie… Gibt es außerdem noch größere Projekte, mit denen du dich derzeit beschäftigst?  Steht etwas Besonderes an?

Ich arbeite seit mittlerweile fünf Jahren an einem Angst-Buch. Aus einem kleinen Heft ist inzwischen eine PDF-Datei von 150 Seiten geworden. Ich wollte es in diesem Jahr veröffentlichen. Aber, na ja … Zurzeit habe ich nicht so die Kraft, mich mit bahnbrechenden Sachen zu beschäftigen. Die Pandemie setzt mir zu. Wie so vielen. Aber wenn mir nichts einfällt, dann mache ich eben auch einfach mal nichts. Ich kann das nicht erzwingen. Das muss man so annehmen. Und irgendwann sprudeln sie dann wieder, die Ideen.

Recht hast du, liebe Slinga. Ich freue mich schon jetzt auf die nächsten!

Lea „Slinga“ Hillerzeder und ich beim coronakonformen Spaziergang am See. Da kommt man ins Plaudern…

Weitere Infos zu Slinga und ihre aktuellen Designs findet ihr unter: www.slingashop.de