Journalism will never die!

Eine Zeitschrift und zwei Teitungen auf einem Laptop.

Und was ich sonst noch vom digitalen Besuch des „European Publishing Congress” mitgenommen habe …

Die Verlagswelt befindet sich in einer gewaltigen Krise – das ist so. Und das ist schon seit vielen Jahren so. Die Abverkäufe und Werbeeinnahmen der altgedienten Print-Produkte sinken, Leser und Anzeigenkunden wandern in die digitale Welt ab. Kein Wunder, dass Print-Verlage alles tun, um an der Aufbruchstimmung in der digitalen Welt teilzuhaben – und dabei gibt es auch die ein oder andere Erfolgsgeschichte. Hat man sich zu meinen Volontariatszeiten vor zehn Jahren noch gefragt, wie man digitale Inhalte monetarisieren, wie man Leser dazu bringen kann, für sie zu bezahlen, wo es doch überall im Netz kostenfreien Content gibt, gelingt das heute schon ganz gut. Durch Abonnements, durch Paywalls und die richtige Mischung von frei verfügbaren Artikeln und Bezahl-Beiträgen.

Doch das ist nur der Anfang. Weitere Veränderungen werden und müssen stattfinden. Print wird nicht aussterben, davon bin ich – wie viele andere auch – überzeugt. Print und Online werden sich auch künftig gegenseitig stützen. Aber eben anders, als wir das seit Jahrzehnten gewohnt sind. Und wie dieses anders geht, das wurde beim „European Publishing Congress 2021“ eindrucksvoll von den Preisträgern des „European Publishing Awards“ gezeigt. Es folgt ein kleiner Erlebnisbericht mit Auszügen der für mich besonders spannenden Beiträge. Sie beweisen, dass der Verlagswelt Großes bevorsteht, wenn sie die Weichen jetzt richtig stellt.

„Journalism will never die. It is like music … The instruments will change. The technique, the people will change, the lyrics will change, but the music will stay alive …”

Gabor Steingart (Media Pioneer)

Als Gewinner in der Kategorie „Start-up of the Year“ sprach Gabor Steingart, Gründer des innovativen Medienunternehmens „Media Pioneer“, am schonungslosesten über die Krise: Print und Radio verlieren Leser und Zuhörer – die Anzeigenkunden wandern schon seit Jahren in die digitale Welt ab. Doch das ist kein Grund zu verzweifeln. Vielmehr ist es eine natürliche Entwicklung. Digital löst Print ab. So, wie das Auto die Pferdekutsche abgelöst hat. Auch die Tatsache, dass heute jeder mit einem Smartphone in der Hand Journalist sein kann und will, ist kein Nachteil. Dadurch wird lediglich der Community-Gedanken in den Redaktionen wichtiger. „Medien nutzen Social Media bislang einfach nur. Ich sage, wir müssen zu Social Media werden“, so Steingart. Inzwischen gibt es einige Beispiele in der Medienwelt, bei denen dieses neue Konzept gut funktioniert.

„Verlassen Sie sich auf das, was sie können. Ihre Recherche, Ihren kritischen Blick, Ihre Gabe, Geschehnisse informativ, genau und inspirierend aufzubereiten.“

Tilman Aretz (Nachrichtenmanufaktur GmbH)

Gemäßigtere Töne schlug Tilman Aretz an – Geschäftsführer der Nachrichtenmanufaktur GmbH und Gewinner in der Kategorie „Digital Publishing Platform of the Year“: Ja, es gibt Probleme, aber es gibt auch positive Entwicklungen. Die Corona-Krise hat zu Veränderungen in der Medien-Welt geführt. Aber diese Veränderungen müssen jetzt als Gelegenheiten für Weiterentwicklung – „als dornige Chancen“ – gesehen werden. Den Lesern müssen Medienschaffende auf Augenhöhe begegnen, aber gleichzeitig auch auf ihre eigenen Kernkompetenzen vertrauen. „Der Journalist als Anwalt der Leserinnen und Leser, als Übersetzer der Wissenschaft.“ Aber eben bitte differenziert, aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln. Es soll nichts verschwiegen werden, aber alles eingeordnet. Die Medien sollen dem Publikum nie vorschreiben, was es zu denken hat – aber überraschen dürfen sie. Fazit: Qualität wird gewinnen.

„Our purpose is to bring the magic of magazines into the future.”

Maria Hedengren (Readly)

Richtig spannend wurde es, als Maria Hedengren, CEO von Readly, über die aktuellen Entwicklungen in ihrem Unternehmen sprach. Readly ist ein Internetdienst, der Abonnenten Print-Magazine für einen monatlichen Beitrag von 9,99 Euro digital zur Verfügung stellt. Eine Zeitschriften-Flatrate fürs Handy sozusagen. Der Vorteil für Kunden: Zugriff auf über 5.000 hochwertige Magazine. Der Vorteil für Verlage: Neben neuen Lesern erhalten sie vor allem spannende Daten über ihre Zielgruppe. Denn Readly kann sehen, was die Leute lesen, wann sie es lesen und wie lange, welche Zeitungen und Zeitschriften sie noch lesen und was sie sich zum Beispiel markieren, um es später noch einmal zu lesen. Ja, sogar, wie lange sie sich welche Anzeige anschauen. Informationen, die Gold wert sind. Hedengren zitiert ihren Chief Analytics Officer Viktor Marklund, um das zu verdeutlichen. Er sage immer: „Some people say data is the oil – but actually it’s like sunshine. It keeps regenerating. It never ends. The more we use it, the more value we get out of it. “

„Don’t economize on your reporters. In the digital arena it is even more important to be unique, to have stories that others haven’t.”

Pieter Klok (de Volkskrant)

Bei all den interessanten digitalen Konzepten war es erfrischend Pieter Klok von der Zeitung „de Volkskrant“ zuzuhören. Der Chefredakteur, der mit seiner Mannschaft Gewinner in der Kategorie „National Newspaper of the Year“ geworden ist, outet sich als absoluter Print-Verfechter: Es ist eine Welt mit weniger Konkurrenz und wenn die Leser Zeitung lesen, sind sie völlig konzentriert. Ja, es stimmt. Im Internet lässt man sich schnell ablenken. Aber Klok hat sein „Flaggschiff“ – die Zeitung – völlig überarbeitet, modernisiert. Jetzt sind die Zeiten des „visual journalism“, in denen die Titelseite der Zeitung mehr wie ein Cover eines Magazins aussehen muss. Er setzt auf qualitativ hochwertige und andere („museumlike“) Fotos und auf spannend aufbereitete Infografiken. „My rule: The more boring the subject, the more spectacular the presentation.“ Zudem wichtig: einzigartig sein und nicht auf dem Erfolg ausruhen. Die ausgewogene Kombination aus Innovation und Bewährtem hat mich beeindruckt!

Stichwort vernetzen

Die Herausforderungen dieser Zeit müssen erkannt und bedient werden. Spannend: Als Medienschaffende müssen wir in Zukunft auch vernetzter und globaler denken. Die Leser sind uns da einen Schritt voraus. In Corona-Zeiten hat man gespürt, dass die Nachrichten und Ansichten aus aller Welt immer wichtiger werden. Wir wollen wissen, was in den Nachbarländern geschieht, wollen deren Meinungen erfahren. Das beim „European Publishing Congress“ vorgestellte Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung – „Eurotopics“ – bietet genau das.

Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich „Eurotopics“ zu einem Debattenportal entwickelt, das täglich einen kostenfreien Newsletter herausschickt, in dem aktuelle Themen aus verschiedenen Blickwinkeln aufgezeigt werden. Redakteurin Sarah Portner: „Wir haben ein Korrespondentennetzwerk in mehr als 30 europäischen Ländern.“ Jeden Tag durchforsten diese Korrespondenten die regionale Presse und schicken das Ergebnis an die deutsche Redaktion, die auswählt und zusammenstellt. Was denkt Ungarn über die Diskussion in Deutschland zur Regenbogenbeleuchtung der Münchner EM-Arena? Ich bin seit dem Kongress begeisterter Leser des Newsletters!

Volle Kraft voraus

Den Preisträgern und den Organisatoren des Kongresses zuzuhören hat mich beflügelt. Jetzt ist eine Zeit der Veränderung und des Aufbruchs. Es sind keine leichten Zeiten. Es wird große Umstrukturierungen in einigen Reaktionen und in einigen Chefetagen geben müssen. Aber genau solche Zeiten sind auch Zeiten des Wachstums. Und ich freue mich darauf, Teil davon zu sein, neue Konzepte zu entwickeln und nach vorn zu gehen. Natürlich können wir beweinen, dass es bald nur noch Autos gibt und an Pferdkutschen festhalten. Besser ist es aber, den Fakt zu akzeptieren, dass manche Veränderungen unausweichlich sind. Und dann müssen wir frisch an die Sache herangehen, bereit sein, Geschichte zu schreiben und alles anders zu machen. Wichtig ist es dabei, das „das haben wir aber immer so gemacht“ loszulassen – und in ein „jetzt schauen wir, was die Zukunft bringt – wir wissen das der Weg steinig wird, aber wir sind bereit“ umzuwandeln.

Wichtige Links

Die hier erwähnten und noch viele weitere spannende Redebeiträge des „European Publishing Congress“ gibt es hier:

https://www.youtube.com/channel/UCqzEFmOB_VVFxO2bC4JC6TA

Den kostenfreien Newsletter von Eurotopics kann man hier bestellen:

www.eurotopics.net

Vielen Dank an die Organisatoren und Kollegen, die ihr Wissen mit uns geteilt haben!

Dies war ein Blog-Beitrag von

www.kathrinreimer.de