31 Tage ohne Industriezucker – ein Selbstversuch

Kathrin Reimer mit Zuckerglas

„Hast du mal auf Industriezucker verzichtet?“, fragt die liebe Susan und es folgt ein Moment der Stille. Das Knistern der Leitung wird unerträglich und ich sehe mich gezwungen ein leises, beschämtes „Nö“ in den Hörer zu nuscheln. Gerade hat sie mir im Telefonat erklärt, dass bei ihr eine Weizenunverträglichkeit festgestellt wurde und es ihr seit der Ernährungsumstellung sehr viel besser gehe. Ich freue mich für meine frühere Kollegin und seufze: „Das wünsche ich mir ja immer mit meiner Migräne. Dass irgendwer sagt: Lass das und das weg – und du hast nie mehr damit zu tun.“ Hinter mir liegen Jahre des Kampfes, des Verzichts, des Stocherns nach Informationen. Ich weiß zum Beispiel, dass Wein bei mir ein Migräne-Trigger ist. Manchmal auch Bier. Ich verzichte darauf schon viele Jahre – bis auf wenige Ausnahmen. Natürlich habe ich schon an Zucker gedacht, den Gedanken aber jedes Mal schnell wieder verworfen. Was bliebe mir denn da noch? Ich esse einfach zu gern Süßkram.

Aber nach dem Auflegen arbeitet es in mir. Sollte ich es vielleicht einfach mal versuchen? Als ich am Abend meinem Freund davon erzähle, ist er Feuer und Flamme. Wir witzeln herum und beschließen, den Industriezucker im Monat März 2023 aus unserem Leben zu verbannen. Das Experiment bekommt den Namen „Much-Less-Sugar-March“ (dt.: Viel-weniger-Zucker-März). „Much less“ wählen wir statt „No“, weil wir uns darauf einigen, natürlichen Zucker (Honig, Obst, usw.) weiterhin zu uns zu nehmen. Klingt eher nach einem Ziel, das man erreichen kann. Wir wollen es mal nicht gleich übertreiben. Natürlich hauen wir uns in den letzten Februar-Tagen Süßkram ohne Ende rein Ist wahrscheinlich nicht Sinn der Sache – aber so ist der Mensch eben, ne?

Komm raus, Zucker – du bist umzingelt!

Was mich im Nachhinein am meisten schockiert, ist die Tatsache, dass der Industriezucker überall drin ist. Selbst in Lebensmitteln, in denen man ihn so gar nicht vermutet. Als wir das erste Mal einkaufen gehen und bewusst darauf achten, wandert ein bei uns beliebtes Lebensmitteln nach dem anderen zurück ins Regal. Maultaschen, Käse, Wurst, Knäckebrot. Brot und Brötchen im Allgemeinen haben fast immer Industriezucker an Bord, manchmal als Dextrose oder Sirup getarnt.

Ich verbringe gefühlt Stunden damit, die Zutatenlisten zu studieren und finde am Ende nur ein Brot und zwei Sorten Brötchen, denen kein Zucker beigemischt wird. Ich habe keinen Unterschied bemerkt. Warum, frage ich mich. Warum ist da überall Zucker? Ich muss an die Tatsache denken, dass jetzt laut Gesetzt jeder im Auto-Verbandskasten zwei FFP-2-Masken mitführen muss. Hat noch jemand außer mir die Vermutung, dass das nur so ist, weil viel zu viele Masken übrig sind und verkauft werden müssen? Hat die Zucker-Industrie einen Deal mit ALLEN Lebensmittel-Herstellern? „Wir haben hier noch 345.678 Säcke Zucker übrig. Können wir die bei euch dazu mischen?“ Achtet mal beim Einkauf drauf. Es ist verrückt!

Schlechte Laune und Schwindel-Attacken

Die ersten zwei Wochen waren leichter, als ich dachte. Unser Geheimnis: Wir haben für Ersatz gesorgt. Es gab Studentenfutter, Trockenobst – und wir haben viele zuckerfreie Snacks gebacken. Einen Nuss-Dattel-Hefezopf ohne Zucker. Ein Bananen-Brot ohne Zucker. Verschiedene Kekse ohne Zucker. Ja, sogar einen „Käsekuchen mit Dattel-Salzkaramell“ ohne Zucker. Und das klingt nicht nur geil, war es auch! Auf jeden Fall ist die Dattel ein unverzichtbares Gut in zuckerfreien Zeiten.

Dann kam sie auf einmal – die schlechte Laune. Ich war richtig ausgelaugt und litt unter Schwindel. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff: Entzugserscheinungen. Krass, oder? Mein Leben lang lege ich Wert darauf, von nichts abhängig zu sein. Und dann bin ich seit Jahrzehnten Zucker-Süchtling?! Es nahm kein Ende. Ich hatte von einem High gelesen, das Leute erleben, die länger auf Zucker verzichten, wenn sie die ersten schweren Wochen überstanden haben. Aber es kam und kam nicht. Schön blöd! Aber mir fiel immer häufiger auf, dass ich mich all die Jahre mit Zucker belohnt habe. Wenn ich etwas erledigt hatte – Schokolade. Das Mittagstief um 16 Uhr umschiffen – Kekse oder Chai-Latte. Ich trinke keinen Kaffee, darum war der Zucker für mich ein täglicher Booster. Allgemein gehöret Zucker für mich zum Alltag. Er gab mir Glücksgefühle. Ich plante ihn fest ein. Bei längeren Autofahrten trinke ich zum Beispiel immer gerne eine Cola und denke, dass mir das Energie gibt. Natürlich nicht die light oder zero – sondern die mit ordentlich Zucker. Als ich sie weglasse, stelle ich fest: Es geht tatsächlich auch ohne.

Rezept-Tipp: Kokos-Makronen ohne Zucker

Kokos-Makronen ohne Zucker

Zutaten für etwa 24 Stück:

2 Eiweiße
30 g Joghurt
1 Msp. gem. Vanille
100 g Kokosraspeln

Zubereitung:

Die beiden Eiweiße steifschlagen und langsam die übrigen Zutaten unterheben. Dann zu kleinen Kugeln formen und im Ofen bei 180 Grad Ober-Unterhitze etwa 8 bis 10 Minuten backen.

Hilft, den Heißhunger zwischendurch in den Griff zu bekommen. Ich mag die knusprigen und daher nicht mehr ganz so weißen Kokosraspel besonders. Enjoy!

Alles doch ganz anders, als gedacht …

Ich schleppte mich förmlich durch Woche drei und vier. Und ich freute mich, als der „Much-Less-Sugar-March“ endlich vorbei war. Wir gingen Burger essen und gönnten uns einen Milchshake mit Donut-Geschmack und Donut on top. Es war göttlich! Denn Essengehen ist übrigens kaum möglich, wenn man auf Industriezucker verzichtet. Wir haben spaßeshalber mal beim Dönermann unseres Vertrauens angerufen und gefragt, ob Zucker in seiner Knoblauch-Soße sei. Er konnte es uns gar nicht sagen, weswegen wir mal stark davon ausgegangen sind. Ketchup und andere Burgersoßen – überall Zucker drin.

Noch im Restaurant bekam ich ein Drücken am Kopf. Nicht schlimm, kann auch vom unbequemen Sitzen kommen. Als wir zu Hause sind, denke ich darüber nach. Wie war das eigentlich letzten Monat. Zweimal hatte ich kurze Kopfschmerz-Anflüge, habe beide aber innerhalb von ein paar Stunden in den Griff bekommen. Eine mega Bilanz! Sonst quäle ich mich oft drei Tage lang herum, wenn es einmal anfängt. Ob das am Zucker gelegen hat? Als wir wenige später Tage durch den Supermarkt laufen, fällt mir auf, dass es mir gar nicht mehr schwerfällt, an den Süßigkeiten vorbeizugehen. Irgendwie brauche ich das gar nicht mehr, habe wohl die Gewohnheit abgelegt. Und es fühlt sich gut an. Wir beschließen, unseren Kurs trotz anfänglicher Euphorie weiterzufahren und größtenteils auf Industriezucker zu verzichten, aber uns Ausnahmen zu gönnen.

Ein Schoko-Ei gibt uns den Rest

Und dann kam zu Ostern das Schoko-Ei. Wir beide aßen es, haben es früher geliebt. Schoko-Mantel, weiße Milchcreme drin. Göttlich! Dann wird uns beiden schlecht. Wir erinnern uns, wie uns früher als Kinder übel geworden ist, wenn wir zu viel Süßes gegessen hatten. Es war exakt das gleiche Gefühl. Wie ein kleiner Gruß aus der Vergangenheit. Ein Gedanke lässt uns nicht mehr los: Hatten wir uns einfach durch den ständigen Konsum so daran gewöhnt, dass wir uns die Übelkeit abtrainiert haben? Und ist sie jetzt nur wieder da, weil der Körper sich ein wenig entwöhnt hat? Krass … Wir beschließen, den Süßkram wieder selbst zu backen. Ohne oder mit weniger Zucker. Denn eigentlich kostet das gar nicht viel Zeit und ein paar unnötige üble Inhaltsstoffe kann man sich damit auch sparen.

Ob das jetzt für immer so bleibt? Keine Ahnung. Schwindel und schlechte Laune haben sich immerhin gelegt. Zum Glück! Und das Experiment hat mir die Augen geöffnet. Ich kann es nur empfehlen. Wie es mit der Migräne weitergeht, muss ich noch beobachten. Aber ich habe tatsächlich ein gutes Gefühl. Jetzt im April läuft übrigens schon die nächste Challenge – jeden Tag 10 Klimmzüge. Zu Beginn schaffe ich es – wenn ich mir Mühe gebe – wie ein nasser Sack zu hängen. Schauen wir mal, wo das hinführt!

Aktuelle Infos zur Challenge und zu anderen Herausforderungen meines Alltags findest du auf meinem Instagram-Account @kathrin.schreibt oder im monatlichen Newsletter, für den du dich auf meiner Website anmelden kannst. Ich freue mich auf dich!