Erst mal Kakao trinken …

In einer Woche veranstalte ich meine erste eigene Kakao-Zeremonie. Ein großer Moment, auf den ich mich sehr freue! Vor etwa zwei Jahren habe ich die Ausbildung zur Cakao Priestess absolviert. Die Magie einer Kakao-Zeremonie hat mich damals geradezu vom Hocker gerissen. Man sagt, dass der zeremonielle Kakao das Herz öffnet und uns wieder mit uns selbst verbindet. Dass er unsere innere Stimme lauter werden lässt. Genau das habe ich erlebt. Denn auf einmal ist da ein Thema an die Oberfläche gekommen, mit dem ich mich zuvor so gut wie gar nicht beschäftigt hatte.

Völlig ohne Vorwarnung war es auf einmal da: Mutter sein. Ich habe meine Erfahrungen damals aufgeschrieben. Für dich habe ich sie rausgeholt. Vielleicht gibt es ja auch in deinem Unterbewusstsein Themen, die dich beschäftigen, aber unter dem Radar fliegen. Die wie ein großer Regenwasser-Behälter immer voller werden und irgendwann überlaufen. Wäre besser, den Behälter rechtzeitig zu entdecken, oder? Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und beim Erkunden der Frage: Was hat Schokolade eigentlich mit Kinderplanung zu tun?

Bähm in die Fresse

Aus Interesse habe ich vor rund zwei Jahren ein Seminar gebucht, das mich zur Cacao Priestess ausbilden sollte. Ich mag Schokolade. Eine Kakao-Zeremonie wollte ich schon länger ausprobieren. Warum nicht gleich in die Vollen gehen? Und dann saß ich da, trank den sorgsam zubereiteten Kakao mit geschlossenen Augen, roch den Duft der dunklen Schokolade und der weitgereisten Gewürze. Schmeckte diese erdige, volle Note auf der Zunge. Ich gab mich der Erfahrung hin – ließ mich davontragen. Und auf einmal waren sie da. Diese Fragen. Ich hatte sie nicht mitgenommen. Klar, haben ich sie in den Jahren zuvor immer mal wieder leise anklopfen hören. Ich war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt. Aber auf einmal waren genau diese Fragen ziemlich laut. Geradezu polternd! Und sehr bestimmt. BIN ICH EIN MUTTERTYP? MUSS ICH EINE MUTTER SEIN? WILL ICH EINE MUTTER SEIN? Bähm in die Fresse. Da haut es einen doch glatt vom Yoga-Kissen.

Aber lasst uns von vorn anfangen. Ich hatte mir gar nicht allzu viele Gedanken zu dem Seminar gemacht. Ein bisschen Singsang, ein bisschen Entspannung, ein leckeres Getränk. Klingt doch gut, ne? Seminar- und Frauenkreisleiterin Alexandra war mir von Anfang an sympathisch. Sie hat diese ganz wunderbare Mischung aus Weltlichkeit und Spiritualität. Sie spricht von Marketing und wechselt zu den Ahnen in unserer Mitte ohne, dass ich auch nur den Hauch eines Bruchs spüre. Wir hören Gedichte, wiegen uns zu sanften Klängen und sprechen über die Magie des Kakaos. Ich lerne, welchen Unterschied es zwischen reinem, zeremoniellem Kakao und der Schokolade im Supermarkt gibt. Einen großen! Der Kakao, den wir am Seminartag zubereiten, kommt im Block aus Bali. Er ist frei von Zusatzstoffen, wird aus ungerösteten Kakaobohnen hergestellt – und das mit viel Liebe in einer kleinen Manufaktur.

Gemeinsam zerkleinern wir ihn, lassen unseren Gedanken in diesen Prozess einfließen. Unsere Ängste und Wünsche. Jede von uns steht mal mit dem Messer am Kakao-Block. Fühlt ihn. Riecht ihn. Der Kakao soll uns „erden und uns nach innen blicken“ lassen, erzählt uns Alexandra. Ein fast schon rauschartiger Zustand ist möglich, denn Kakao öffnet die Gefäße, ähnlich dem Alkohol. Aber reiner Kakao enthält Magnesium, Calcium, Kupfer, Eisen und einfache, ungesättigte Fettsäuren – unähnlich dem Alkohol. Reiner Kakao ist ein Superfood, das aufgrund seiner nahhaften und gesunden Inhaltsstoffe von Mönchen sogar zum Fasten verwendet wurde.

Wie eine Umarmung

Wir rühren unsere mühsam zerkleinerten Kakaokrümel in das erwärmte Quellwasser und die Reismilch ein und schauen zu, wie sich eine duftende, wohlig fließende Masse entwickelt. Es hat fast schon etwas Hypnotisierendes, dem Strudel des Schaums zuzusehen. Während wir die Gewürze einrühren, sprechen wir über Mama Kakao. Ein Bild steht hinter uns. Ich schaue mir die naturverbundene, in sich ruhende Frau genauer an. Gemalt wurde sie von einer Leipziger Künstlerin und ich mag den Stil. Alexandra nach dem Namen fragen, lege ich mir für später im Hinterkopf ab. Wir stellen das erste Kakao-Glas als Opfergabe vor das Bild. Mama Kakao ist die wichtigste Person im Raum, erinnert uns Alexandra. Und dann setzten wir uns mit unseren eignen Gläschen in der Hand im Kreis auf unsere Yoga-Matten, schließen die Augen und nehmen den ersten Schluck.

Meine Sinne arbeiten auf Hochtouren, um den Geschmack einzuordnen. Erdig. Voll. Schwer. Lieblich. Mmh. Mit jedem kleinen Schluck, den ich nehme und auskoste, wird ein inneres Flackern, das mir zuvor gar nicht aufgefallen war, ruhiger, entspannter. Mir wird warm und ein wohliges Gefühl überkommt mich. Ja. Ich fühle mich umarmt. Irgendwie. Der Kakao schmeckt wie eine Umarmung von Mutter Natur – oder ist es Mama Kakao? Dieser Gedanke geht mir durch den Kopf und ich lächle. Und dann sind sie auf einmal da. Die oben genannten Fragen und mit jedem Schluck kommen mir dazugehörende Erkenntnisse in den Sinn.

Von der Frau zur Mutter – Entscheidung oder Wunsch?

Ich bin ein Muttertyp. Schon immer gewesen. Und ich frage mich in diesem Moment sogar, wie ich das jemals anzweifeln konnte. Seit ich 12 war habe ich auf Nachbarskinder aufgepasst. Zu Kindern hatte ich immer einen guten Draht, habe vier Patenkinder und noch ein paar mehr gefühlte. Ich male und bastle mit ihnen, unterhalte mich gern mit ihnen und lerne von ihnen. Ja, ich schreibe ja sogar für sie. Kinderzeitschriften, Kinderbücher. Und ich fühle mich manchmal wie sie. Mein inneres Kind ist präsent. Sehr oft sogar. Muss es auch, ich ziehe meine Kreativität daraus. Aber diesem inneren Kind gehört vielleicht sogar die leise Stimme in meinem Kopf, die sagt: Wie sollen wir Verantwortung für ein kleines Leben übernehmen? Wir sind doch selbst noch nicht groß! Puh. Ich lege den Gedanken erst einmal zur Seite. Nehme einen Schluck.

Ich muss keine Mutter sein. Das weiß ich. Wie andere Leben und was die Gesellschaft von mir erwartet, ist mir egal. Natürlich kenne ich sie, all die Fragen: Na, wie sieht es bei euch aus? Wann bekommt ihr denn Kinder? Ist es jetzt nicht an der Zeit? Das Kinderbett im Gästezimmer brauchen wir nicht mehr, oder? Natürlich versetzen sie mir einen Stich. Eigentlich gehen die Antworten keinen etwas an. Ich lächle dann und sage: Das hat noch Zeit. Ernte hochgezogene Augenbrauen. Seltsame Geräusche von Freundinnen mit Kindern. Skeptische Blicke von meinen Eltern. Sie lösen einen Druck in mir aus, der aber nach ein paar Tagen wieder verschwindet. Ich muss keine Mutter sein. Ich muss auch nicht heiraten. Ich will meine eigene kleine verrückte Realität schaffen. Und das gelingt mir meist sehr gut. Ich bin glücklich. Glücklich in meiner Beziehung und glücklich mit mir. Ein weiteres Lächeln huscht über mein Gesicht. Nächster Schluck.

Ist diese Welt ein guter Ort für Kinder?

Will ich Mutter sein? Es war mein Wunsch. Schon immer. Ich habe mich schon immer mit einem Baby gesehen. Wir fahren eine Landstraße entlang, es ist ein lauer Sommerabend, wir hören Musik aus den 60ern und singen dazu. Ok, das Baby singt nicht, es gluckst und brabbelt vor sich hin. Wir sind happy. Andere Bilder tauchen auf. Krieg. Er rückt immer näher. Mütter flüchten mit ihren Kindern, Angst, Ungewissheit, Verzweiflung in den Gesichtern. Dazu kommen Umweltkatastrophen, die Spuren, die eine weltweite Pandemie hinterlassen hat. Ist diese Welt ein guter Ort für Kinder? War diese Welt jemals ein guter Ort für Kinder? Wird sie jemals einer sein? Und ist das wichtig? Braucht diese Welt Kinder sogar, um ein besserer Ort zu werden? Hui. Das ist schnell eskaliert.

Also: Will ich Mutter sein? Jetzt? Hier hänge ich fest. Es sind zu viele Gedanken. Ich kann sie nicht sortieren. Und dann denke, ich vielleicht ist das jetzt aber auch einfach ok. Für den Moment. Ich atme tief durch, höre Alexandras Stimme. Sie dringt von weit weg an mein Ohr. Ich atme noch einmal durch und bin … erstaunt. Ich öffne langsam die Augen und mein Blick wandert zu Mama Kakao. Hut ab. An dem Knoten haben schon viele gezerrt. Jetzt hat er sich gelöst. Wie von selbst. Ich mag Schokolade. Jetzt noch mehr.

Ich beendete die Kakao-Zeremonie damals, ohne eine Antwort auf meine dritte Frage zu haben. Das störte mich nicht. Ich war ein gutes Stück weitergekommen. Ganz unverhofft. Will ich Kinder haben? Diese Frage ist für mich seither greifbar. Etwas, an das ich pragmatisch herangehen kann. Ein Thema, das ich recherchiere und zu dem ich andere Frauen befrage. Berufskrankheit, hüstel. Trotzdem ist mir eines klar: Die Antwort wird letzten Endes nicht mein Kopf haben, sondern mein Herz. Und es ist beruhigend zu wissen, dass es für mich offenbar einen Weg gibt, dieses lauter sprechen zu lassen.

Kathrin Reimer ist freiberufliche Autorin, Redakteurin und Texterin . Lange Zeit hat sie in Leipzig gelebt und sich dort zur Cacao Priestess ausbilden lassen.